Was zeichnet gute Scrum Master:innen aus?

Inhaltsverzeichnis

Stell dir eine Reise vor. Du betrittst unbekanntes Terrain. Vielleicht befindest du dich im tiefsten Dschungel auf dem Weg zu einer unerforschten Tempelanlage. Überall lauern Gefahren. Du schaust den Baum hoch: Eine Schlange bahnt sich auf einem Ast ihren Weg und du bist dir sicher, dass sie dich böse anzischt. Und hinter dem Busch dort vorne – sind da nicht Augen zu sehen?! Ganz, ganz sicher ist das eine Wildkatze, die Zähne fletschend auf ihre Mahlzeit wartet – nämlich dich. Und all die heimtückische Hindernisse erst… Eine Fallgrube hier, Treibsand dort. Wie sollst du mit all diesen Hürden voran kommen? Wohin treten? Welcher Schritt ist der nächste? In jedem Fall siehst du dich überall, aber nicht am Ziel ankommen – die geheime Tempelanlage rückt immer weiter ins Unerreichbare.

Eine ziemlich turbulente Reise, nicht wahr?

Da wäre eine Reiseführer:in doch eine riesige Hilfe. Jemand, der dich auf deiner Reise begleitet, der die Schlange als Liane erkennt und dir erklärt, dass die Augen in Wirklichkeit von einem Koala-Bären stammen, der genüsslich an einem Eukalyptusblättchen knabbert. Jemand, der die Hindernisse vor dir aus dem Weg räumt, indem er Bretter über den Treibsand legt. Jemand, der weiß wo du am besten langgehen solltest, um deinem Ziel näher zu kommen. 

Nun stell dir vor, deine Reise ist ein großes Projekt mit einem Project Goal, das erreicht werden soll. Du stehst mitten in diesem Projekt-Dschungel und musst dich zurechtfinden. Doch hier bist du nicht allein: Deine Reiseführer:in nennt sich Scrum Master:in und besitzt eine geheime Karte auf der alle Gefahren und Tücken deiner Reise eingezeichnet sind. Er oder sie hilft dir die Hindernisse (Impediments) zu erkennen und gemeinsam überwindet ihr sie. Das klingt so spannend für dich, dass du diese Fähigkeiten am liebsten selbst hättest, oder?  

In der Theorie kann tatsächlich fast jeder Scrum Master:in werden.

Du benötigst lediglich ein paar Stunden Übung und das erfolgreiche Abschließen einer Wissensprüfung. Am Ende hältst du ein Zertifikat in den Händen, mit welchem du dich ganz offiziell Scrum Master:in nennen darfst. That’s it. Aber ist das dein Anspruch? Sicher nicht. Denn auf deiner Reise durch den Dschungel möchtest du natürlich nicht irgendeinen Guide haben, du willst das beste was du kriegen kannst. Was musst du also mitbringen oder lernen, um Indiana Jones das Wasser reichen zu können? Was zeichnet eine gute Scrum Master:in aus?

I. Die Scrum-Werte

Eine erste Richtung geben dir die Scrum Werte vor. Mit Mut, Offenheit, Fokus, Respekt und Commitment begegnest du als gute Scrum Master:in anderen Personen und meisterst die Herausforderungen, die das Team behindern.

Mut: Hab den Mut auch schwierige Dinge oder Themen anzusprechen und damit Dinge anzustoßen,
die das Team weiterbringen.

Offenheit: Lebe einen offenen Umgang mit deinen Teammitgliedern und den Stakeholdern hinsichtlich der
gesamten Arbeit und den mit ihr verbundenen Herausforderungen.

Fokus: Sorge dafür, dass die Arbeit im Sprint und das Erreichen des Sprints / Product Goals im Fokus
eines jeden Einzelnen steht.

Respekt: Lebe einen Umgang auf Augenhöhe vor, damit sich das Scrum Team gegenseitig als fähige,
unabhängige Menschen respektiert.

Commitment: Das Erreichen der Sprint / Product Goals ist elementar. Sorge dafür, dass sich jedes
Teammitglied auf das Erreichen jener Ziele persönlich committed.

II. Die Skills

Des Weiteren lassen sich die Fähigkeiten einer guten Scrum Master:in in Hard und Soft Skills unterteilen. Hard Skills sind deine Methodenkompetenz, dein Handwerkszeug, während sich Soft Skills noch weiter in persönliche und soziale Kompetenzen aufschlüsseln lassen.

1. Hard Skills

Natürlich bist du aufgrund deiner Zertifizierung Spezialist:in für Scrum und im Zuge dessen auch Ansprechpartner:in für alle Beteiligten. Du besitzt deinen ganz persönlichen “Werkzeugkasten”, den du im Laufe deiner Erfahrung immer weiter füllst. Neben diversen Meetingformaten und Workshop-Methoden zählen auch deine Zeichenfähigkeiten zu dessen Inhalt. Zeichnen klingt doof? Ist es auch. Ich kann es beispielsweise überhaupt nicht und schaue neidisch auf Kolleg:innen, die das hervorragend beherrschen. Dennoch habe ich mich schon verbessert und Figuren sehen nicht mehr aus, als hätte sie meine dreijährige Nichte aus dem Kindergarten mitgebracht. Letztlich bringt es jedoch mich und alle Beteiligten weiter, wenn ich in Präsentationen oder Workshops Dinge gezielter und bildhafter darstellen kann. Und damit komme ich auch direkt zu deinen Techniken & Fähigkeiten, denn Präsentationen und Visualisierungen sind Teil deines Alltags. Als gute Scrum Master:in bist du nicht nur geübt im Umgang mit Whiteboard-, oder Workshop-Programmen, sondern hältst stets die Augen offen, ob es weitere Tools gibt, die dich sinnvoll unterstützen können. Schau dir zum Beispiel das Whiteboardtool Miro an, das mir persönlich nicht nur sehr viel Spaß bereitet, sondern zusätzlich auch großartige Workshop-Erlebnisse hervorbringt.

2. Soft Skills – Persönliche Kompetenzen

Hierzu zählt, wie du in der Lage bist deine eigenen Fähigkeiten, also bspw. dein Präsentationstalent, gezielt und gewinnbringend einsetzen zu können. Es bringt niemanden weiter, wenn du die wunderbarste Präsentation kreiert hast, aber nicht in der Lage bist, sie deinem Gegenüber zu präsentieren. Als gute Scrum Master:in weißt du, dass nicht nur deine Präsentation, sondern zusätzlich dein Auftreten, dein Erscheinungsbild und natürlich auch deine sprachlichen Fähigkeiten darüber entscheiden, ob dein Wort überhaupt Gewicht hat und deine Zuhörer erreicht.

3. Soft Skills – Soziale Kompetenzen

Soziale Kompetenzen sind nichts anderes als dein Verhalten oder deine Persönlichkeitsmerkmale, die für die Interaktion mit Mitmenschen erforderlich sind. Es kommt nicht selten vor, dass du mit Menschen zu tun hast, die ein teilweise völlig anderes Mindset haben. Es wird im Team zu Meinungsverschiedenheiten kommen können und teilweise werden Probleme an die Oberfläche gelangen, die das Team belasten, weshalb du hin und wieder auch als Mediator:in gefragt sein wirst. Als gute Scrum Master:in bist du nicht nur teamfähig, sondern weißt auch Kritik anzunehmen und ebenso gezielt weiterzugeben. Du gehst mit gutem Beispiel voran, indem du deinen Teammitgliedern zeigst, dass ein offenes und transparentes Feedback gut und wichtig ist. Dein Ego stellst du zurück, denn du weißt um deine Rolle als Diener des Teams, wenngleich du jederzeit bereit bist Verantwortung zu übernehmen. Wie das geht? Du führst das Team in Richtung Agilität, ohne es jedoch in seiner Selbstbestimmung zu bevormunden – womit ich direkt an die Rollen anknüpfen möchte, die eine gute Scrum Master:in einnehmen kann.

III. Die Rollen einer guten Scrum Master:in

Eine Scrum Master:in ist vielleicht einfach nur Scrum Master:in. Eine gute Scrum Master:in jedoch weiß, dass sich diese Verantwortlichkeit aus vielen verschiedenen Rollen zusammensetzt. Die Diener:in des Teams, auch als Servant Leader bezeichnet, habe ich bereits erwähnt – lasst uns zu Beginn diese Rolle genauer betrachten.

Servant Leader

Als gute Scrum Master:in zeichnest du dich als Servant Leader dadurch aus, dass du dem Team sowohl dienst, als es auch führst. Damit ist jedoch nicht gemeint, dass du die Teamleitung innehast, oder dem Team vorschreibst, was es zu tun hat. Wortwörtlich übersetzt bist du eine dienende Führer:in, dabei jedoch in erster Linie Diener:in und erst dann Führer:in. Du solltest die Gabe besitzen, anderen helfen zu wollen und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten. Die Krux ist jedoch, dass du zwar eine Führungskraft bist, jedoch keine Weisungsbefugnis besitzt. Klingt irgendwie nach einem “zahnlosen Tiger”, nicht wahr? Nicht ganz. Du kannst jemanden führen, ohne dass du die Teamleitung besitzt, oder dich irgendein Titel dazu “befähigt”. Du führst durch dein Wissen und die Auslebung der agilen Grundgedanken. Das Team folgt dir, weil du Agilität lebst. Dabei helfen dir ein paar Grundprinzipien.

      • Diene mit deinen Handlungen deinem Team, nicht dir selbst
      • Führe nicht aufgrund des Titels
      • Führe durch Beständigkeit
      • Hilf Menschen, sich bestmöglich zu entwickeln und zu performen
      • Selbstloses Management von Team Mitgliedern
      • Förderung echter Teamverantwortung
      • Nutzung der kollektiven Kraft eines Teams

Coach

In der Rolle des Coaches hilfst du dem Team die bestmögliche Arbeit zu erledigen, um das Sprint Goal zu erreichen. Du erkennst versteckte Potentiale von Teammitgliedern und zeigst ihnen Möglichkeiten auf, wie und wo sie sich weiter verbessern können. Mit deinem agilen Mindset entwickelst du im Team eine Lernkultur der kontinuierlichen Verbesserung und bringst das Team zu dem Punkt, an dem es versteht, dass es sich durch gegenseitigen Austausch selbst auf das nächste Level heben kann. Als gute Scrum Master:in änderst du Verhaltensstrukturen und Einstellungen innerhalb des Teams, die es daran hindern Scrum bestmöglich anzuwenden. Du befähigst deine Teammitglieder ein offenes und ehrliches Feedback zu senden und zu empfangen. Auf Unternehmensebene verhilfst du Scrum zu verstehen und förderst die Zusammenarbeit zwischen einzelnen Scrum Teams.

Moderator:in 

Als gute Scrum Master:in bist du in deiner Rolle als Moderator:in neutral, heißt du wählst keine Seite – auch nicht (und erst recht nicht!!), wenn dir Kekse angeboten werden. Fördere die Zusammenarbeit und versuche Synergien mit anderen Personen oder Teams zu schaffen. Vermittle deine Autorität auf charismatische Art und Weise. Auch wenn du als Scrum Master:in nicht für jedes Event verantwortlich bist, so ist es dennoch deine Verantwortung, dass diese nach den Scrum Richtlinien ausgeführt und umgesetzt werden. 

Erstelle Meetings in einer Form, dass sie dem Team helfen Ziele und Zielsetzungen zu erreichen. Als gute Scrum Master:in stellst du Fragen so, dass sie neue Sichtweisen und Perspektiven eröffnen. Kreiere ein starkes Team, statt starke Individuen. 

Lehrkraft

Du hilfst anderen Personen dabei neue Dinge zu lernen. Du bist verantwortlich, dass Scrum richtig verstanden und angewendet wird. Sei dabei nicht zu streng. Erinnere dich an deine Schulzeit – hast du jedes Thema direkt verstanden? Wahrscheinlich nicht und ebenso wird es vielen Leuten gehen, die noch nie mit Agilität oder Scrum zu tun hatten. Es wird einige verschrecken, andere werden keine Lust haben und du als Lehrkraft solltest dennoch auf alle Rücksicht nehmen. Du bist nicht derjenige, der in der Autoprüfung am Steuer sitzt, sondern die Fahrlehrer:in, die darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden und notfalls auf die Bremse drückt. Gib dem Team die Möglichkeit Fehler zu begehen, damit sie aus diesen lernen können.

Mentor:in

Mentoring kann ein kompliziertes Thema sein. Denn ein Lehrling-Meister Verhältnis basiert nicht einzig auf Wissen. Vertrauen und die persönliche Beziehung zueinander muss vorhanden sein. Als gute Scrum Master:in weißt du deshalb, dass du nicht einzig aufgrund deiner Erfahrung Mentor:in von jedem sein. Du solltest ein Gespür dafür haben, wer die ideale Mentor:in für jemanden sein könnte. Diese muss nicht zwangsläufig aus dem selben Team stammen.

Impediment Remover

Impediments sind wichtige Bestandteile deiner täglichen Arbeit als Scrum Master:in. Aber ist jedes Hindernis auch sofort von einer Scrum Master:in zu lösen? Die Antwort ist ganz klar nein! Das Entwicklungsteam kann nur wachsen, wenn es in Selbstorganisation Schwierigkeiten überwinden kann. Du weißt als gute Scrum Master:in, dass solche Situationen ein Team zusammenschweißen können, weshalb du permanent abwägst, ob es sinnvoll ist einzugreifen oder nicht. 

Change Agent

Als gute Scrum Master:in respektive “Change Agent” weißt du, dass organisatorische Veränderungen eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen können. Der Wandel in einer Unternehmensstruktur wird nicht über Nacht geschehen und es kann sogar passieren, dass du als Scrum Master:in in Frage gestellt wirst, weil Scrum als reine Esoterik und nicht als Projektmanagement-Framework angesehen wird. Du weißt wann es Zeit ist, um das Unternehmen in die richtige Richtung zu stoßen und wann es Zeit braucht, den angestoßenen Wandel umzusetzen, um ihm den nötigen Raum zum Wachsen zu geben. Eine der großen Stärken von Scrum ist es, Probleme innerhalb von Prozessstrukturen sichtbar zu machen und als gute Scrum Master:in bist du in der Lage diese Dysfunktionen zu beheben. Denn das große Ziel bleibt stets gleich: Du möchtest eine Unternehmenskultur schaffen, in der Scrum Teams gedeihen können.

V. Fazit

Wie du siehst braucht es am Ende doch einiges mehr, um nicht einfach “nur” eine Scrum Master:in zu sein. Du benötigst neben dem fachlichen Know-How auch einiges an Sozialkompetenz. Vieles wirst du dir leicht aneignen können und manches wird dir schwerer fallen. In manchen Rollen fühlst du dich direkt wohl, andere kratzen und pieksen am Anfang. Das ist normal. Mit ein wenig Erfahrung wird der Dschungel von Tag zu Tag vertrauter, die lauernden Tiere freundlicher und es wird dir nach und nach leichter fallen Trampelpfade um Hindernisse, Schluchten und Gefahren herum zu finden, sodass dein Ziel erreichbar wird. 

Sieh es einfach als deine eigene, persönliche Scrum Reise an – und wenn wir dich dabei begleiten dürfen, dann freuen wir uns auf deine Nachricht!

Florian Papenheim

Florian Papenheim betreut unsere Kunden als Scrum Master auf operativer Ebene in vielseitigen und komplexen Projekten.