Wie werde ich eigentlich ein Scrum Master?

Ein Rückblick auf das Agile Excellence Program

Nach meinem intensiven Studium der Soziologie, Politik und Ökonomie habe ich den Entschluss gefasst Scrum Master zu werden. So einfach es mir fiel meinem – bereits konzipierten und finanzierten – Promotionsprojekt den Rücken zu kehren, so schwierig gestaltete sich auch die Suche nach dem richtigen Ausgangspunkt für meine neue Karriere.

Am Anfang meiner Reise stand zunächst eine ausgedehnte Lektüre der Standardwerke und Klassiker der Scrum Literatur. Meine Begeisterung wuchs und ich entschied mich dazu in ein Professional Scrum Master Training zu investieren. Nachdem ich die Zertifizierung zum PSM I erfolgreich absolviert hatte, habe ich mich selbstbewusst und kompetent genug gefühlt, um mich dem Arbeitsmarkt zu stellen. Als Sozialwissenschaftler, um deren Arbeitskraft man sich für gewöhnlich nicht gerade prügelt, war ich von der Zahl der Stellenausschreibungen überwältigt. Der von der Corona Pandemie ausgelöste Digitalisierung Schub hat die Nachfrage nach dem ohnehin knappen Fachpersonal nochmals deutlich erhöht. Meine ersten Recherchen auf den gängigen Jobportalen ergaben Folgendes: In Deutschland werden Agile Coaches und Scrum Master im fast fünfstelligen Bereich gesucht.

Als ich meine Suche spezifizierte, veränderte sich die Lage dramatisch. Filtert man diejenigen Stellenangebote heraus, die eine mehrjährige Berufserfahrung von den Bewerber:innen erwarten bzw. fordern, so bleiben gerade einmal eine Handvoll Arbeitgeber übrig. Zieht man nun noch all diejenigen Firmen ab, deren didaktisches Konzept sich auf die Praxis des “ins kalte Wasser werfen” beschränkt, so bleiben einem jungen und noch unerfahren Scrum Master eigentlich nur noch die Agile Ants.

Denn die meisten Firmen, die – man möchte fast “gnädigerweise” sagen – auch unerfahrene Scrum Master:innen anstellen, sind nicht bereit in deren Ausbildung Zeit oder Geld zu investieren. Viel mehr liegt der Verdacht nahe, dass diese Unternehmen primär auf schnellen Profit aus sind. Häufig werden angehende Scrum Master:innen, die auf die Möglichkeit zum Sammeln praktischer Erfahrungen angewiesen sind, günstig eingekauft und teuer verliehen. Über die Problematik dieses Ansatzes für die Scrum Community hat mein Kollege Marin Niehues auf unseren Blog einen spannenden Beitrag verfasst. Daher war die Freude riesengroß, als ich die Zusage der Agile Ants erhalten habe.

Doch meine Entscheidung für das Agile Excellence Program war nicht nur durch den Mangel an vernünftigen Alternativen begründet. Vor allem der Bewerbungsprozess der Agile Ants – so verrückt es auch klingen mag – hat mich davon überzeugt, dass ich das Handwerk des Agile Coaches / Scrum Masters nirgendwo anders lernen möchte. Anstatt ihre Bewerber:innen durch einen ausgedehnten und strapaziösen Hindernislauf zu schicken, organisiert von irgendeiner bürokratischen (d.h. nicht-agilen) Human Resources Abteilung, setzten die Agile Ants auf ein persönliches Kennenlernen auf Augenhöhe. Nach dem ersten Gespräch war mir daher klar, dass dieser Ameisenstaat – von dem:der einfachen Arbeiter:in bis zum:zur König:in – die agilen Werte wirklich lebt. Bis heute hat sich an dieser Einschätzung nichts geändert.              

Auch das Agile Excellence Program basiert natürlich auf einer gesunden Portion Überforderung. An meinem ersten Tag wurde ich meinem zukünftigen Projekt-Team vorgestellt und an meinem zweiten Tag habe ich begonnen Verantwortung für mein Team zu übernehmen. Den Agile Ants ist sehr wohl bewusst, dass man das Schwimmen nicht durch Trockenübungen lernen kann. Zeitgleich wenden sich die Agile Ants gegen die tautologische Lüge, dass man das Schwimmen einfach durch das Schwimmen lernt. Die Ausbildung zum Scrum Master wird durch umfassende und diverse Coachings begleitet. Diese beschäftigen sich sowohl mit den eher theoretischen Aspekten des Scrum Frameworks als auch mit der konkreten Umsetzung der verschiedenen Scrum Events. Je mehr ich über Scrum wusste und je besser ich das Scrum Framework anwenden konnte, desto mehr Verantwortung wurde mir auch übergeben.

Die Betonung liegt hier auf dem Übergeben. Nie wurde ich gezwungen Aufgaben zu übernehmen, für die ich mich noch nicht bereit gefühlt habe. Zeitgleich habe ich durch das kontinuierliche und detaillierte Feedback eine realistische Einschätzung meiner Fähigkeiten als Scrum Master gewonnen.
So konnte, durfte und wollte ich schnell die Verantwortung für einen ganzen Sprint übernehmen. Dabei hab ich mich jedoch nie alleingelassen gefühlt. Am Beckenrand stand immer ein freundlicher Bademeister und ein engagierter Schwimmlehrer. Ersterer achtete mit Argusaugen darauf, dass ich nicht untergehe. Zweiterer feuerte mich beim Bahnenschwimmen bzw. Spriten an und gab mir Hinweise zur Verbesserung meiner Technik.

Unser hartes Training hat sich ausgezahlt und zwar schneller als gedacht. Nach nicht einmal zwei Monaten hat sich mein “Übungs-Team” dazu entschieden, auch nach meiner Ausbildung gerne mit mir zusammen zu arbeiten. Zwar sind die Mitglieder des Teams natürlich nicht unmittelbarer oder fester Bestandteil des Agile Excellence Programs und doch muss ich ihren großen Beitrag zu dessen bzw. meinem Erfolg hervorheben. Ich hätte mir wohl kein besseres Team wünschen können. Wann hat man als Junior Scrum Master schon einmal das Glück in und von einem Scrum Team zu lernen, von dem die ganze Abteilung sagt “die machen ja nun mal Scrum nach dem Bilderbuch”. An diesem Maßstab werden sich wohl alle meine zukünftigen Teams messen lassen müssen.

Nun neigt sich das Agile Excellence Program dem Ende zu. Man könnte fast sagen, dass ich kurz vor dem Ablegen meines Seepferdchen-Abzeichens stehen.  Als Scrum Master kann ich nun guten Gewissens selbstständig ein Scrum Team supporten ohne unterzugehen. Mehr kann man sich wohl von einem dreimonatigen Traineeship nicht wünschen. Es stellt jedoch weniger ein Ende, sondern vielmehr den Beginn meiner persönlichen Reise zur Scrum Mastery dar.

Was meine Zukunft bei den Agile Ants anbelangt, sei nur soviel gesagt:

Ich freue mich schon riesig darauf bald auch selbst am Beckenrand zu stehen und die neuen Trainees des Agile Excellence Program bei ihren ersten Schwimmbahnen bzw. Sprints unterstützend zu dürfen. Nicht etwa aus dem Grund, dass die verständliche Vermittlung des Scrum Frameworks einer der wichtigsten Skills eines Scrum Masters ist und mir etwas Übung sicher nicht schadet, sondern vielmehr, weil ich mich darauf freue von dem vielfältigen Wissen und unterschiedlichen Erfahrungen meiner neuen Kolleg:innen zu lernen. Denn auch – oder gerade dafür – schätze ich das Agile Excellence Program: Es weiß die besonderen Fähig- und Fertigkeiten von Menschen zu schätzen, die in ihrem Leben gerne auch mal Umwege oder querfeldein gegangen sind.